Kapitel 1

RITROVATO

Inmitten von Geschenkpapier-Fetzen und roten Schleifen lag das schwarze Fotoalbum. Anna sass erschöpft daneben. Sie konnte nicht anders, als das Ding, das da auf dem Spannteppich lag, anzustarren. Zu müde, den Blick abzuwenden. Den ganzen Abend hatte sie es gewälzt, ihr Zeigefinger war über die Schwarz-Weiss-Bilder geglitten. «Sag was!», hatte sie der Grossmutter auf Seite zehn befohlen, und dann zum Grossvater, der hinter der Grossmutter stand: «Sag du was!» Anna roch an ihrem Finger. Farbe? Sie leckte den Finger ab. Salz. Und etwas Klebriges. Vielleicht Konfitüre.

42 Blätter. Hinten und vorne beklebt. 84 Seiten voller Weissleim, der durchsichtig wird, wenn er trocknet. Ab und zu eine Legende. Anna dachte daran, wie oft ihre Finger voller schmutziger Leimkrümel gewesen waren, als sie der Mutter half, das grosse Familienalbum zu richten. Die missratenen Fotos lagen derweil lose in einer Omo-Schachtel unter der Treppe. Anna hatte oft darin gewühlt und eine eigene Memory-Ordnung erfunden. Jetzt hörte sie die Worte der Mutter: «Die Fotos sind nicht für dich. Leg sie zurück! Du kannst später eigene Fotos machen, die daneben gehen.» Sie hörte das Lachen der Mutter. Zu diesem Lachen hatte Anna damals eine kurze Schürze getragen, kariert, mit gestreuten Herzen. Die schönste Schürze des ganzen Kindergartens war das gewesen.

Die Mutter war Anna bereits auf Seite zwei entgegengekommen. Lange vor den Grosseltern. Sie hing an Vaters Arm. Ein weisser Schleier steckte im schwarzen Haar. Ihr scheues Lächeln, als sie noch keine Mutter war, sondern ein Kind: Seite fünf. Weiter hinten die geliebten Stöckelschuhe, kecke Hüften. Die Mutter als junge Frau.

Sie musste all die Fotos, die Anna jetzt in den Händen hielt, aus dem grossen Familienalbum – das einzige Buch in ihrer ersten Wohnung – abgelöst haben. Um für Anna auf den heutigen Tag ein neues Album anzulegen. Was wollte die Mutter ihr damit sagen?

Anna gefiel die Vorstellung, wie die Mutter die Bilder frisch anordnete. Dieser Aufwand: allein für die Tochter. 168 Stück, zwei pro Seite. Zentriert. Die Muttermaschine schlampte nie. Anna sah sie vor sich, diese Mutter, sie sah, wie die Mutter sortierte und überlegte, wie sie klebte und schrieb und wartete und rauchte. Anna sah den Mond, der in die Stube der Mutter schaute. Die Nachbarin schlief. Die Nachbarin schlief durch. Wegen der Medikamente. Die Mutter kannte die Namen der Medikamente, sie wusste alles über die Nachbarin.

Die Mutter weinte, wenn Vollmond war. Sie hatte kein gutes Verhältnis zu ihm.

Ab Seite zwölf kamen Fotos, die Anna zeigten. Als Wickelkind. Am Zaun der Nachbarin. Die war so dünn. Den kleinen Bruder entdeckte Anna später. In der Mitte des Buches. Dort sass er wohl schon lange. Wie eine Kröte. Schon bevor sein Foto da gewesen war, sass er in der Mitte. Anna sass immer am Rand, sogar im eigenen Körper.

Die Fotos sprachen eine Sprache, die sie verstand, aber nicht übersetzen konnte.

Text: Romana Ganzoni
Illustration: Rolf Bienentreu

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Romana Ganzoni (*1967) ist Autorin. Sie lebt in Celerina und schreibt Romane, Erzählungen, Gedichte, Kolumnen, Essays, Radiobeiträge. In diesem Jahr wird ihr erstes romanisches Buch mit 32 Gedichten und Kurzprosa erscheinen (Chasa Paterna), ein deutschsprachiger Jugendroman (Titel noch geheim, Thema: Mut machen) sowie ein wilder Schulhausroman („Capricorns e cocaìn“ – aus der Realschule Zernez).

Foto: Anna Positanoll

ROMANA GANZONI

romanaganzoni.ch

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KAPITEL 2

RITROVATO - GROSSMUTTERS SCHWEIGEN KOMMT AUS ITALIEN

Von der Kröte wurde Anna schlecht. Vom Rand in ihr selbst wurde Anna auch schlecht. Denn verlagerte sie sich auf ihren Rand, geriet sie aus dem Gleichgewicht. Mit der Kröte verhielt es sich anders. Ganz anders. Es war wegen ihrer fehlenden Qualitäten.

Anna nahm einen Schluck Wasser, schlug noch einmal die Seite mit der Grossmutter auf und sagte zu ihr: «So red doch!» Sie blätterte zur Mutter und streichelte sie. «Du auch! Grade du. Wir hatten es doch gut. Meistens. Manchmal wenigstens, das musst du zugeben. Vor allem dann, wenn der Mond nicht voll war.»

Der Mond war in der Mutter länger voll als am Himmel. Dann redete sie in der Sprache, die Anna verstand, aber nicht übersetzen konnte. Anna war dann so still wie bei Onkel Edo, wenn er Migräne hatte. So konnte sie mitreden.

Anna löste die Mutter vorsichtig heraus. Sie schüttelte sie. Vielleicht verliess sie dann der Mond. Die, die sie gut kannten, konnten ihn sehen, wie er aus ihren Augen schaute; schon damals, als die Hüften schmal waren und keck.

Sie löste die Grossmutter heraus. Mit der Grossmutter kam auch der Grossvater mit. Er, der zu Lebzeiten nicht viel sprach, aber alles sagte, während Grossmutter viel sprach und das Meiste verschwieg. Sie stellte die Grossmutter auf den Kopf und kicherte. Das hätte sie gern gemacht als Kind: die Grossmutter ein bisschen auf den Kopf gestellt, damit sie etwas aus den Fugen geraten konnte. «Du warst zwanghaft. Weisst du das?» Als Erwachsene hatte sie ihrer Mutter davon erzählt. Sie lachte. «Das Einzige, was bei deiner Grossmutter auf dem Kopf stand, waren frisch gekochte Konfitüren. Und das auch nur kurz.»

Sie klaubte den kleinen Bruder aus der Mitte des Albums und fächelte sich mit ihm Luft zu.

Diese Schläfrigkeit – Bei ihrer Mutter zu Hause wäre sie jetzt ins flaschengrüne Sofa gesunken. Dort hatte ihr Kopf gelegen, der der Grossmutter, der ihrer Mutter, der von Onkel Edo mitsamt seiner Migräne, mit der er die Sterne sehen konnte. Onkel Edo musste deshalb viel trinken. Alkohol tat ihm am besten. Er wirkte wie ein Medikament. So erklärte er die Flasche unter dem Sofa, als Anna in der karierten Schürze mit den gestreuten Herzen vor ihm gestanden hatte. Annas Mutter schüttelte tags drauf den Kopf, als sie von ihm sprach. Anna war baff gewesen. Ihre Mutter, dieses Wundertier, kannte nicht nur die Namen der Medikamente ihrer Nachbarin, sondern auch die von Onkel Edo.

Klebrige Fingerkuppe, süsse. Sie hatte sie sich in den Mund gesteckt. Brombeer? Es musste Brombeerkonfitüre sein, die an ihrem Finger klebte. Sommertage, Sommerwochen, ganze Sommer stiegen in ihr auf. Sie wischte sie ins Taschentuch, und den kleinen Bruder klebte sie verkehrt ins Album zurück. Sollte er sich doch am festen Karton die Nase plattdrücken. «Du kannst es dir nicht aussuchen. Für einmal nicht.» 

Grossmutters Schweigen kam aus Italien. «Es kommt vom Nichts-Haben. Im Krieg. Und danach: vom Nichts-Sein. Hier», erklärte ihr die Mutter. Grossmutters Schweigen hatte lange Arme. Mühelos zerbrach es das Küchenlachen der Mutter, und sie hatte ein gutes Verhältnis zu ihrem Lachen, ganz anders als zum Mond.

Anna machte in sich drin ohne zu fragen Platz für das Schweigen, sass am Rand, hielt den Atem an und lauschte. Es war, als würde sie an einen fremden Ort gebracht und auf der Fahrt dahin würden ihr die Augen verbunden. Jedes Mal.

Mitten am Tag konnte das passieren: beim Einkochen der Konfitüren, beim Ausstechen der Birnen für Kompott. Das Lachen der Mutter hatte einer Stille Platz gemacht, die den Himmel leersaugte. Denn was durchs Fenster ins Freie brodelte, war ein Seufzer der Mutter, als hätte man ihn ihr aus dem lebendigem Fleisch gestochen wie eben noch den Butzen aus der Birne. Dann war Anna noch stiller als bei Onkel Edo.

Wenn es vorüber war, schien die Sonne, auch wenn es wie aus Kübeln schüttete oder es Nacht war; tiefe, schwarze Nacht.

Anna kratzte etwas Leim vom Foto ihrer Grossmutter, als schemenhaft eine andere Gestalt zum Vorschein kam, fein gezeichnet, weit hinten im Bild, hinter dem verkrüppelten Apfelbaum, der damals Blüten trug und sicher noch Äpfel.

Text: Monica Cantieni
Illustration: Rolf Bienentreu

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Die Schriftstellerin Monica Cantieni, (*1965), lebt in Wettingen und Bern, Schweiz. Sie veröffentlicht Romane und Kurzgeschichten.

Ihr letzter Roman „Grünschnabel“, erschienen bei Schöffling & Co, Frankfurt a. M. wurde 2011 für den Schweizer Buchpreis nominiert und 2015 in seiner englischen Übersetzung bei Seagull Books Kolkata-London-Chicago für der First Book Award am Edinburgh International Bookfestival. Der Roman ist insgesamt in sechs Sprachen übersetzt. Für ihre Kurzgeschichten, veröffentlicht in Zeitschriften und Anthologien, erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen. Zudem hilft ihr ALPHABET LAB Schulen digital gerne nachhaltig auf die Sprünge und verführt SchülerInnen in Form von Projekten und Modulen klassenweise zum Schreiben von Romanen und Hörstücken. 

Foto: FRESHPIXEL, Manuel Fischer

MONICA CANTIENI

monica-cantieni.net

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KAPITEL 3

RITROVATO - ANNA HÖRT DAS RAUSCHEN

Blinzeln. Sekunden dehnten sich mit jedem Wimpernschlag zu Minuten, zu Stunden, ein tonloses Einatmen warf Anna schliesslich um Jahre zurück, zurück zwischen die Seiten des Albums, zwischen die Fotos, die dort eingeklebt waren. Mitten hinein in die weissen Flecken, in ein unfotografiertes Leben, als der Mond in der Mutter länger voll war als am Himmel und ihr Lachen zerbrach, als der Apfelbaum noch Blüten trug und der Duft von verbranntem Apfelkuchen sich im ganzen Haus breitmachte. Als man Fotos schoss, die in Alben geklebt wurden, die gelungenen, die missratenen steckte man in die Omo-Schachtel unter der Treppe. Aus den Augen, aus dem Leben.

Mutter mochte einfache Lösungen.

Und plötzlich waren da ihre Stimmen, von fern erst, ein Wispern bloss, dann immer lauter, so nah, als stünden sie im Nebenzimmer. Streitereien hinter verschlossener Schlafzimmertür, Anna mit dem Kopf unter dem Kissen, damit sie die Stimmen nicht hörte, nicht hörte, wie er schrie, Faust gegen Wand, sie bösartiger, giftiger mit jeder hingeschleuderten Beleidigung. Unter dem Kissen hielt sich Anna die Ohren zu und bekam doch alles mit, Mutters höhnisches Lachen, splitterndes Holz, der schrille Ton und ihr Schrei, und später der Bettrahmen, der hart gegen die Wand stiess, immer und immer wieder.

Mutter mochte einfache Lösungen, Vater kannte keine Probleme. Er lachte und rauchte, und wenn er getrunken hatte, lachte er lauter, rauchte, bis sein Gesicht sich in Wolken auflöste, gestreute Herzen wie auf Annas Schürze, gestreut im ganzen Dorf, durchs ganze Tal, wer wusste das schon, denn wer wusste, schwieg sowieso. Mutter flehte ihn an, weinte, fluchte, und Vater lachte und trank und rauchte, doch wenn der Mond zu voll war und der Obstler in ihm Blüten trieb: Glasscherben, ausgerissene Haare und Nasenbluten, Zähne auf dem Fenstersims.

Das fotografierte Leben, vergilbt auf den Aufnahmen, halb versteckt hinter Weissleim, es rutschte Anna aus den Fingern, den klebrigen, zitterigen, der abgekratzte Leim rollte sich auf ihrer Haut, ein Häutchen, eine Membran, unter der etwas anderes verborgen gewesen war, eine andere Wahrheit.

Ein neues Album, nur für Anna, hatte die Mutter gesagt, und die Fotos aus dem grossen Familienalbum gelöst. Eine neue Wahrheit nur für Anna, dachte Anna. 168 Fotos, ausgesucht von der Mutter, eingeklebt von der Mutter, ein Geschenk von der Mutter, ein kuratiertes Leben nur für Anna, ein Bilderreigen der Vergangenheit, puderzuckrig wie Mutters verbrannter Apfelkuchen. Allein dieser Aufwand, diese Mühe alles zu kleben, verkleben, bestäuben, verschleiern, damit keiner mehr sieht, was ist, was gewesen war.

Eine Wahrheit im Album, die andere unter der Treppe. Und doch – Fehler passieren, eine kleine Unachtsamkeit, versteckt unter Weissleim, und schon setzt sich diese andere Wahrheit fest wie ein Parasit, schummelt sich in das kuratierte Leben hinein, wo sie eben nicht sein sollte, nicht sein dürfte, denn wenn sie in der Omo-Schachtel steckt, dann existiert sie nicht. Mutter mochte einfache Lösungen.

Anna starrte auf die schemenhafte Gestalt hinter dem Apfelbaum, strich mit dem Finger über die Aufnahme und versuchte zu erkennen, was sie längst ahnte, so lange, bis ihre Gedanken keinen Fluchtweg mehr fanden.

Dann setzte sie sich auf den Rand in ihr drin, an Gleichgewicht war nicht zu denken, vielleicht nie mehr, und schaute hinab, in sich hinein, zu dem Ort, wo sie alle Wahrheiten aufbewahrte. Die aus dem Album und diejenigen aus der Omo-Schachtel. Und aus der Tiefe, aus der dunkelsten Ecke ihrer selbst, hörte sie das Wasser rauschen.

Text: Sunil Mann
Illustration: Rolf Bienentreu

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Sunil Mann wurde als Sohn indischer Einwanderer im Berner Oberland geboren und lebte fünfundzwanzig Jahre in Zürich, bevor er im Herbst 2016 nach Aarau umzog. Er hat Psychologie und Germanistik studiert, beide Studiengänge wurden erfolgreich abgebrochen. Nach dem Abschluss der Hotelfachschule heuerte er als Flugbegleiter bei der nationalen Airline an, wo er noch heute als Aushilfe arbeitet.

Für sein Romandebüt „Fangschuss“ wurde er 2011 mit dem Zürcher Krimipreis ausgezeichnet. Mit „Gossenblues“ erschien im Spätsommer 2017 der siebte Fall um den indischstämmigen Privatdetektiv Vijay Kumar. 2016 wurde „Immer dieser Gabriel“ veröffentlicht, das erste von drei Kinderbüchern mit dem frechen Schutzengel Gabriel. 2019 erschien „Totsch“, ein Jugendroman, im Da Bux Verlag, 2020 „Der Schwur“, ein Kriminalroman, der von Migration und Rechtspopulismus handelt.

„Schattenschnitt“ war sowohl für den Zürcher Krimipreis 2017 als auch für den Friedrich-Glauser-Preis nominiert, das Kinderbuchdebüt „Immer dieser Gabriel“ wurde mit einem Anerkennungspreis der Fachstelle Kultur des Kantons Zürich sowie dem Bad Iburger Kinderliteraturpreis ausgezeichnet. „Totsch“ ist 2020 für den ersten Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreis nominiert.

Foto: Eke Miedaner

SUNIL MANN

sunilmann.ch

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KAPITEL 4

KOMM HER, ZU MIR

Je schmaler der Trampelpfad wurde, umso stärker schwoll das Rauschen an. Rundgeschliffene Felsen ragten aus dem smaragdgrünen Wasser. Anna würde sich zu ihnen legen. Mit den Fingern über ihre sandige Oberfläche fahren, als könnte sie so ihre raue Kraft speichern. Doch im nächsten Augenblick tat sich vor ihr ein Abgrund auf. Tosend fiel das Wasser in die Tiefe. Ihr schwindelte. Sie wollte schreien. Laut schreien. Doch es ging nicht. Nicht einmal ein leises Krächzen drang aus ihrer Kehle. 

Anna war mit einem Schlag wach. Ihr Herz galoppierte den Gedanken davon, die noch im Traum fest hingen und nur langsam zurück in ihre Gestalt fanden. Staubkörner schwebten im Schein der Sonnenstrahlen, die durch das grosse Fenster auf das vertraute Riemenparkett fielen. Als sich Anna mit vor Schmerz verzogener Miene aufrichtete, glitt das aufgeschlagene Fotoalbum vom flaschengrünen Sofa. Dabei raschelte das Pergamentpapier, das die Seiten voneinander trennte. Die verschiedenen Geschichten, die sich mit jeder frischen Schicht Weissleim aufeinander gelegt hatten. Immer wieder neu geordnet und zusammengesetzt. Stück für Stück war das Leben entstanden, wie es die Mutter haben wollte. Perfekt geformt, wie die Ringe, die sie beim Rauchen in der Luft tanzen liess. Anna fragte sich, ob sie das ebenso unermüdlich getan hätte, wenn sie um das späte Vergessen gewusst hätte. 

Das Wasser kam noch immer lauwarm aus der Leitung, aber Anna war zu müde, um in den oberen Stock ins Badezimmer zu laufen. Nachdem sie getrunken hatte, füllte sie das Glas ein zweites Mal. Sie war sofort aufgebrochen, als der Anruf aus dem Pflegeheim kam. Die Mutter hatte aufgehört zu essen. Ihr Körper tat es dem Geist gleich, der schon zuvor begonnen hatte, sich aufzulösen. Sie wurde leichter und leichter. Sterbefasten nannten sie das. Anna aber wusste: Die Mutter bevorzugte einfache Lösungen, selbst jetzt noch. In ihrer Handtasche vibrierte das Telefon. Natalia. Die schöne Natalia mit der Kuhle im Nacken, dem feinen Flaum der Anna in der Nase kitzelte. Natalia, die roch wie ein Tag am Strand, nach salziger Brise, reifen Pfirsichen und Sonne auf der Haut. Noch wussten sie nicht, wo es sie gemeinsam hinführen würde. Und doch tat sich da plötzlich ein kleiner Spalt auf. Eine Möglichkeit nur, die Anna sich kaum vorzustellen wagte. Sie wusste nicht, ob es ihr je gelingen würde, die Zähne auf der Fensterbank zu vergessen. Sie war sich auch nicht sicher, ob es gelingen würde, die Geschichten, deren Zeuge das Haus gewesen war und die in den Wänden, in den Böden und Türen hockten, zu überschreiben. Und doch war da dieses Bild. Wie sie die grosse Matratze auf die Wiese im Garten legten und ihre nackte Haut im Mondlicht badeten. Anna tippte so schnell, als hätte sie Angst, sie könnte es sich sonst anders überlegen. 

Komm her, schrieb sie. Komm her, zu mir.

Text: Seraina Kobler
Illustration: Rolf Bienentreu

SerainaKobler

Seraina Kobler, geboren 1982, ist Journalistin und Autorin. Nach dem Studium arbeitete sie als Redakteurin bei verschiedenen Tages- und Wochenzeitungen. Im Inland-Ressort der «Neuen Zürcher Zeitung» war sie für gesellschaftliche Fragen zuständig, bevor sie sich mit einem eigenen Schreibatelier in der Zürcher Altstadt selbstständig gemacht hat. Sie ist Mutter von vier Kindern. Im September diesen Jahres erscheint ihr erster Roman «Regenschatten».

SERAINA KOBLER

serainakobler.com

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KAPITEL 5

CHAVAR

Noch bevor Natalia kam, kam der Tod.

Er hatte das Gesicht einer Spitzhacke, einer grauen, von angetrockneter Gartenerde krümeligen Spitzhacke. Runzlig der Stil, der im Rüschenkragen des weiten Nachthemds verschwand. Asche zu Asche, dachte Anna, und trat von einem Bein auf das andere. Sie war gerade auf dem Weg zu einer dieser legendären Zürcher Frauenpartys gewesen, die nie legendär waren, aber die Hoffnung war es doch jedes Mal. Gerade hatte sie sich die schwarzen High Heels übergestreift, als der letzte Anruf aus der Klinik kam.

Nun taten ihr die Füsse weh, sie rieb den Spann des rechten Fusses an der linken Wade, sah auf die Spitzhacke und dachte: Wie kann man so lügen! Und warum sah sie das erst jetzt, am Totenbett! Sie kreiste mit den Zehen, massierte nun den Spann des linken Fusses am rechten Bein. Kippelte leicht, denn sie hatte Schwierigkeiten, das Gleichgewicht zu halten. Photographien aussortieren und in einem Omo-Waschmittel-Karton vor dem Erinnern entsorgen. Das war das eine. Familiengeschichte blieb Muttergeschichte. Matriarchalisch umschreibbar. Und ihr zum 50. Geburtstag dann ein neues Album aus den alten Bildern schenken. Eine von Mutters Vollmond-Taten. Aber eben! Bei alledem den Schein wahren: Das Haus, der Garten, der Gatte und der Heimkater. Die guten Kinder (der kleine Prinz und das grosse Aschenputtel, wunderbar leicht zu demütigen). Und Onkel Edo, ihr grauer Liebhaber, damit sie auch etwas hatte, manchmal, neben den ehelichen Prügeln. Edo, so diskret, eine winzige Figur auf einem ausblassenden Photo neben dem alten Apfelbaum. Als sei nichts. Und wenn er am Zaun vorbeigekommen war, hatte die Nachbarin dünnlippig gelächelt. (Ach Edo, du kamst an keiner Schürze vorbei.) 

Und Mutters verschwiegene Tablettensucht, die mit Onkel Edos Alkoholismus locker mithielt. Hastige Liebe – Knöpfe, Reissverschluss, Bisse – auf einem flaschengrünen Sofa. Aber Engagement in der Kirchengemeinde, im Chor, im Frauenverband, der für Soziales strickte, lindfarbene Babyschühchen aus Synthetik. Weil man am Material sparte. Sparen war gut. Nichtsparen war liederlich. Ein ehrbares Doppelleben! Das nach Betäubung schrie. Auch Schweigen kann eine Droge sein. 

Mutter, dachte Anna. Du hattest mich in den Fängen. Wie verwandt bin ich dir? Meine kleinen Fluchten! Zürcher Frauenpartys, ein wenig Sehnsucht nach Natalia. Heimlich, versteht sich. Und doch: Mann, Beruf, Kinder, solide Verhältnisse und mein schöner roter Herzkirschenmund, der alle in Grund und Boden lächelt: Üna branclada a tuots! Ün bütsch a tuot il muond! Wenn ich, dachte Anna, und nun hatte sie die High Heels ausgezogen und in die Hand genommen, schwarze High Heels aus Mailand, was, wenn ich ernst machen würde? Kann man sein Leben ändern, in der Mitte des Lebens. Mitte? sie musste lächeln, sie war 50 Jahre alt.

Auf einmal bekam sie Herzklopfen. Was musste sie verstehen, damit sie eine Zukunft haben könnte, in der sie nicht am Rand, am schönen Abgrund ihrer selbst stünde? 

Aufbrechen, dachte sie. Der Tot ist eine Spitzhacke. Da siehst du es! Chavar, graben. Mit der versierten Nachbarin sprechen, dieser Kräuterhexe (Rezepte hatte die!), mit Onkel Edo, dem Organisten, der in seinem Alter noch zu Orgelkursen nach Romainmôtier fuhr. Nach Geschichten fragen, aus Italien, Florenz, Genua, was weiss ich, aus dem Engadin. Und Prinz-Kröte, jetzt erfolgreicher Fondsmanager in London, Docklands, besuchen, ihn und seine hochbegabt-debilen Drillinge und sagen: So, Brüderlein! Erzähl mal. Von uns. Wie es war und wie es nie war. Oder trink mit mir, wenn es dir die Sprache verschlägt.

Vor allem aber: sich erinnern! Es braucht Mut, sich zu erinnern. Todesmut gegen die Scham, denn es kann sein, dass man eine andere wird. 

Sie nahm das Leintuch (es roch doch nicht nach Omo!) vom Totenbett in beide Hände, zog es ein wenig hinauf, über die Kragen-Rüschen und weiter, so hoch, dass es die Spitzhacke zudeckte.

Dann ging sie barfuss in einen blühenden Sommernachmittag hinaus.

Text: Angelika Overath
Illustration: Rolf Bienentreu

AngelikaOverath_Foto by Franziska Barta

Angelika Overath (*1957), Schriftstellerin, Reporterin, Literaturkritikerin und Dozentin für Kreatives Schreiben, lebt in Sent. Sie schreibt Geschwister-Gedichte in Vallader und Deutsch („Poesias dals prüms pleds/Gedichte aus den ersten Wörtern“, 2014; „Corniglias/Alpendohlen“, 2017; ein dritter Band, „Marchà nair cul Azur/Schwarzhandel mit dem Himmel“ ist in Vorbereitung). Zuletzt erschien ihr Roman „Ein Winter in Istanbul“, 2018. 

Foto: Franziska Barta

ANGELIKA OVERATH

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KAPITEL 6

UNORDNUNG

Barfuss stieg sie auf ihr Fahrrad, radelte der Landstrasse entlang, bis sie an einer Kreuzung abstieg. Sie war in die falsche Richtung gefahren, nicht nach Hause, sondern zum Haus ihrer Mutter, das noch immer leer stand. Sie hatte bisher keine Zeit gehabt, sich darum zu kümmern, ihr Bruder von London aus noch viel weniger. 

Auf dem heissen Teer schmerzten ihre Füsse, sie stieg wieder auf, fuhr weiter, jetzt, wo sie schon so nah war. Die Mutter hatte einen Schlüssel unter einem Stein abgelegt, damit sie immer Zutritt zu ihrem Zuhause habe, das hatte sie ihr noch im Pflegeheim wiederholt versichert. Er lag noch da. 

Es war alles unverändert, das flaschengrüne Sofa, nur der Garten verwildert, die Bäume trugen knorrige Äpfelchen, bis im Herbst würden daraus zwar aromatische, aber keine grossen, saftigen Früchte mehr werden; man hätte die Äste im Winter zurückschneiden und die jungen Äpfel kurz nach der Blust im Frühjahr ausdünnen müssen. 

Aber auf dem Küchentisch lag noch immer das Album. Das alte Album, daneben die Omo-Schachtel, ringsherum lagen Fotos, der Leim stand offen, vertrocknet, den warf Anna gleich in den Eimer. Mutter hatte ihr Geschenk zum 50. Geburtstag also von langer Hand geplant, noch bevor sie ins Pflegeheim gezogen war. Anna ging näher, fasste aber nichts an, als fürchte sie, man könnte sie später mittels ihres Fingerabdrucks überführen. Sie ging näher, schaute alles genau an, diese schwarzweissen Bilder, und dann sah sie diese roten Flecken. Fingerabdrücke. Kirsche musste das sein, oder Erdbeere, oder auch Zwetschge.

Anna holte Luft, entschieden hatte sie sich schon. Sie musste sich nur aufraffen. Dann stieg sie die Treppe hinunter, Stufe für Stufe, bis sie dort stand, wo genau über ihrem Kopf lange Jahre die Omo-Schachtel gelegen hatte. Dann stieg sie ganz in den Keller und machte das Licht an. 

Die Konfitüregläser standen in Reih und Glied, noch immer. Anna nahm ein Glas, drehte es in ihren Händen. Zehn Jahre alt waren diese verkochten Zwetschgen jetzt. Zehn Jahre alt waren auch die Drillinge ihres Bruders. Fünfzehn, zwanzig, dreissig, vierzig Jahre. Da war auch die Mutter noch eine junge Frau gewesen, die Flüssigkeit im Glas aber hat eine miese Farbe. Sie dreht sie in den Händen, «Sag was, Mutter», Anna lauscht. Dann nimmt sie ein anderes Glas, «Dann sprich eben du», sie stellt es nach vorne, das Jahr, in dem ihre Grossmutter achtzig Jahre alt wurde, steht nun neben dem Glas aus dem Jahr, als Anna ihr erstes Kind bekommen hatte. Glas um Glas nimmt sie hervor, stellt sie um, dreht sie alle auf den Kopf, Sommer um Sommer steigt in ihr auf, um hinter langen Wintern wieder zu versinken. 

Wenn sie beide gleichzeitig fünfzig Jahre alt wären, sie und ihre Mutter, sie probt, stellt die Gläser aufeinander, dann nebeneinander, dann stellt sie die Geburtsjahre der Kinder um Jahrzehnte zurück, hier, meine Mutter, da, mein Vater, «jetzt sag du auch einmal etwas dazu, zu Onkel Edo, über deine Verwandten aus Italien.» 

Anna hockt sich auf den Boden, nun stellt sie wieder ihre eigene Memory-Ordnung her, wie sie es schon als Kind mit den Ausschussfotos aus der Omo-Schachtel gemacht hatte, und wie es ihre Mutter mit dem Fotoalbum gemacht hatte. Als könnte man sein Leben mit der Hilfe von ein paar verschimmelten Konfitüregläsern neu schreiben, neu anordnen, Dinge verhindern, die guten Zeiten hervorholen. Aber die Sonnensüsse, die in den Früchten abgespeichert war, hatte sich längst in einen gärenden Trunk zersetzt. 

Glas um Glas, das sie wieder in das richtige Gestell, an seinen ordentlichen Platz auf diesem muffigen, abgestandenen Zeitstrahl zurückstellte, fügten sich auch ihre Erinnerungen wieder, zurück in eine sprachlose, aber stramme Ordnung.

Text: Tabea Steiner
Illustration: Rolf Bienentreu

TabeaSteiner_Foto by Yvonne Böhler

Tabea Steiner, Jahrgang 1981, ist auf einem Bauernhof in der Nähe des Bodensees aufgewachsen und hat Germanistik und Geschichte studiert. Sie hat das Thuner Literaturfestival initiiert, ist Mitorganisatorin des Berner Lesefestes Aprillen und Mitglied der Jury der Schweizer Literaturpreise. 2019 ist sie Stipendiatin am Literarischen Colloquium Berlin. Mit ihrem ersten Roman Balg wurde sie für den Schweizer Buchpreis nominiert. Tabea Steiner ist Mitglied der Autorinnengruppe RAUF und lebt in Zürich

Foto: Yvonne Böhler

TABEA STEINER

tabeasteiner.ch

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KAPITEL 7

ICH KANN NICHT LÄNGER WARTEN

Was treibt sie da! Spielt Kind, als wär die Mutter noch im Haus, allgegenwärtig, lobend, schimpfend, tobend. Verstrickt sich in Erinnerungen. Spielt das Kinderspiel mit Einmachgläsern, verschimmelt, vergoren, verloren. 

Sie löscht das Licht, eilt hinauf in die Küche. Die Omo-Schachtel. Mutter hat sie aufbewahrt, es war nicht anders zu erwarten. Anna kann nicht widerstehen, greift hinein, fischt wahllos Fotos aus dem Haufen. Das meiste unscharf, zu dunkel, zu hell. Aber unversehens hält sie dieses Bild in ihren Händen. Sie wusste, dass es existierte, Onkel Edo hatte es geknipst. Lenka und Anna unter dem Apfelbaum. Sie drückt das Foto an ihr Herz. Lenka, die Wilde, Lenka, die Sanfte. Sie kam nur zwei Sommer, dann durfte sie nicht mehr.

Ihr Vorsatz! Sie steckt das Bild ein, steigt auf das Rad, holt das Mutter-Album aus der Wohnung. Sie kommt sich vor wie eine Fremde, seit Gloria und Pablo ausgezogen sind. Mit dem falschen Geschenk fährt sie zurück zu Mutters Haus.

Sie muss sich überwinden, einzutreten, fröstelt unvermittelt in der Kälte, die sich über Jahre in den Mauern staute. Stille? Nein, jetzt hört sie dieses Raunen, dieses Tuscheln, in jedem Winkel, jeder Ritze lauert flüsternd die Vergangenheit. Sie steigt die ausgetretenen Stufen hoch, es zieht sie an den Ort, wo ihre Kindheit eingeschlossen ist. Der dunkle Flur, der alles hört, lässt ihre Schritte schneller werden. Hastig öffnet sie die Tür, Sonnenlicht ergiesst sich aus dem Raum. Puppen, Bilder, Kinderbücher, das Zimmer wie vor vierzig Jahren, als wäre sie nie ausgezogen, immer noch ein Kind. Ihr schaudert. Sie steht ans Fenster, blickt hinab in den verwilderten Garten. Der grosse Apfelbaum wie zweigeteilt. Wurde er vom Blitz getroffen? 

Sie wird sich von alldem trennen müssen. Ihr Bruder braucht jetzt keine Sommerresidenz. 

Sie steigt hinunter in die Küche, legt das Mutter-Album in die Omo-Schachtel und den Rest darauf, geht damit zur Feuerstelle, zu diesem traumhaft schönen Ort im Garten. Er liegt versteckt, vom Haus nicht einzusehen. Hier hat sie mit Lenka geraucht, mit Natalia Glühwein gebraut. Zu zweit auf der grossen Matratze. Vollmond auf nackter Haut. 

Sie löst die Fotos aus dem Album, schichtet sie zu einem Haufen, entfacht das Feuer, steht im Rauch, weicht rückwärts an die Mauer. Sie braucht zu lang, reisst ganze Seiten aus dem Einband, wirft sie in die Flammen, die Omo-Schachtel oben drauf. Nur das Bild mit ihr und Lenka bleibt davon verschont. 

Es lodert, knistert, stinkt und raucht, Anna flieht zum Apfelbaum, sieht zu, wie sich die verlogene Vergangenheit in Rauch kremiert, denkt an den Neuanfang. 

Den Schritt vom Rand zur Mitte. Sie wird die Familie verlassen, das gemeinsame Unternehmen ihrem Mann überlassen. Sie hat lang gezögert, das Gedicht zu senden, gestern hat sie sich getraut. Jetzt, Natalia, jetzt bin ich bereit! 

Komm her, komm her zu mir

Ich kann nicht länger warten

Dieses falsche Schattenleben

Hat uns nach und nach verzehrt

Jetzt will ich alles geben

Zu lange hab ich dich entbehrt



Denk an den Drang

An die Zeit, wo uns gelang

Der blanken Leere zu entfliehen

Liebe, Hoffnung, Trost zu schenken

In Augenblicken zu versinken

Nur uns zu spüren, uns zu denken

Der Glaube hat mich nie verlassen

Die Geschichte neu zu fassen

Zu einem Ring zu schmieden

Neu zu leben, neu zu lieben

Für mich sind keine Fragen mehr

Komm her, komm her zu mir


Text: David Weber
Illustration: Rolf Bienentreu

DavidWeber

David Weber – Architekt, Musiker, Autor – lebt und schreibt in Zug und Caccior (Bergell). Er studierte „Literarisches Schreiben“ an der Schule für Angewandte Linguistik in Zürich.

Im Knapp Verlag, Olten, sind erschienen:

  • „Kral“, Roman, im Frühjahr 2018 
  • „Reduit“, Roman, im Frühjahr 2019

DAVID WEBER

davidweber.ink

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KAPITEL 8

MAN KANN IM LEBEN NICHTS VERPASSEN

«Ich glaube, ich bin verrückt geworden», lachte Anna und drehte sich im Bett zur Seite. Immer noch war sie mittendrin, im Rausch der Wahrheit. Die Mitte fühlte sich gut an. Natalia fühlte sich gut an.

«Oh, bitte», sagte Natalia. «So originell ist deine Tragödie nicht, Liebes. Zigarette?»

«Genug mit den Klischees.»

«Dann eben Kaffee», schälte sich Natalia aus den Laken. 

Anna dachte an ihren Mann. Er hatte sie angesehen, mit seinen dunklen Augen, die Lippen zusammengepresst und genickt. Mehr nicht. Dann hatte er nach seinen Autoschlüsseln gegriffen und war durch die Tür verschwunden. Die Tür, die immer noch dieses elende Quietschen hatte, das er schon seit Jahren beheben wollte. Sie wusste, dass er zurückkommen würde und dass sie dann weg sein musste. Weg, weg, weg – «furt und weg». Da, wo auch er am liebsten war.

Ein Teil von ihr wünschte sich, dass Mutter sie nun sehen könnte, jetzt in diesem Moment, in dem sie so glücklich war. Und ein anderer Teil war froh darüber, dass sie dieses, ihr zweites, neues Leben mit niemandem teilen musste. Dass da keiner mehr da war, der die falschen Fragen stellte und nie auf die richtigen antwortete. 

Eine Träne lief Anna über die Wange, in ihren Mund. Sie mochte es, ihr salziges Selbst zu schmecken.

Sie war noch da. Noch immer Anna.

«Was hältst du von Bordeaux?», fragte Natalia.

«Es ist zehn Uhr morgens.»

«Ein Jahr am Meer. Nur du und ich, die Sonne, Wein und Musik.» Natalia nahm den Strandhut vom Schrank und tanzte im Morgenmantel durchs Schlafzimmer, summte ein Lied, das Anna nie mehr vergessen würde.

«Das ist zu schön, um wahr zu sein», sagte Anna. «Und obendrein absolut unmöglich.» 

«Pourquoi?», fragte Natalia. «Wir sind keine Zwanzig mehr. Du hast Geld, ich habe Geld. Du hast Zeit, ich habe Zeit. Und…» 

«Und was?»

«Vermissen wird uns wohl kaum jemand», zuckte Natalia mit den Schultern.

Wenn schon verrückt, dann richtig, dachte Anna. 

Erst, als sie die Grenze passiert hatten und Anna schon glaubte, das Meer zu riechen, dämmerte ihr, dass sie vielleicht nicht die Einzige war, die vor etwas davonlief. Sie schaute zu Natalia rüber, die mit beiden Händen lenkte. Alles fest im Griff. Da verwarf sie den Gedanken wieder und erinnerte sich an eine von Onkel Edo gelallte Weisheit: «Man kann im Leben nichts verpassen.»

Halt den Mund, alter Mann, dachte sie und drehte das Radio lauter.

Text: Lea Catrina
Illustration: Rolf Bienentreu

Lea_Catrina

Lea Catrina ist eine Bündner Autorin und Texterin, die in Flims aufgewachsen ist. Sie hat einen Bachelor der Medienwissenschaft sowie den Lehrgang «Literarisches Schreiben» absolviert. Catrina lebt in Zürich; die Corona-Krise sitzt sie mit ihrem Mann in der San Francisco Bay Area aus, wo sie jeweils einen Teil des Jahres verbringt.
Aktuell arbeitet sie an ihrem Debütroman.

LEA CATRINA

leacatrina.com

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KAPITEL 9

DAS VERLORENE BILD

Eine mehrstündige Autofahrt reicht also aus, um ein altes Leben hinter sich zu lassen. Anna will nicht daran denken, wie schwierig es sein wird, ein neues zu finden.

Die Pension liegt am Meer. Natalia hat das Auto halb auf der Strasse parkiert. «Was soll’s», hat sie geseufzt, «ich bin müde.»

Es ist eine schwüle Nacht. Der Mond klebt trächtig am Himmel. Das Zimmer wirkt schäbiger als ein vergilbtes Foto. Natalia lässt sich aufs Bett fallen. Anna steht daneben. Sie schluckt leer. Auf dem Sessel liegt ein Kissen, überzogen mit einem Stoff mit gestreuten Herzen. Die Vergangenheit sendet Signale. Vergessen geht anders.

«Bist du nicht müde?», fragt Natalia, «komm, leg dich zu mir.»

Erst jetzt merkt Anna, dass man das Rauschen des Meeres hören kann. Der volle Mond leuchtet ins Zimmer. In der Nacht sauge er das Meer auf, erklärte ihr Onkel Edo, der Einzige der Familie, der einmal gesegelt war.

«Komm jetzt», ruft Natalia, aber Anna geht zum Fenster.

«Man kann das Meer sehen», flüstert sie.

«Was?», gähnt Natalia.

Bevor man sich auf die Suche macht, müsste man wissen, wonach man sucht, möchte Anna laut herausschreien, aber sie tut es nicht.

«Was hast du denn auf einmal?», sagt Natalia etwas genervt.

Anna öffnet das Fenster. Der Mond durchleuchtet sie von Kopf bis Fuss.

Anna zieht ihre Bluse aus und wirft sie auf das Kissen, damit die gestreuten Herzen schweigen. Jetzt, wo das neue Leben aufkeimen sollte, drängen längst verborgene Erinnerungen hervor. Der Mond war nicht nur Mutters Mond. Die Grossmutter pflegte ihm zu sagen: «Luna, Luna bellina, tu che vedi ogni cosa, salutami la mia Annina…”. Für die Grossmutter war der Mond weiblich. Sie betete zu ihm, als Anna zu ihren Reisen aufbrach, nicht jene an die Zürcher Frauenpartys, die anderen, die genauso gut ohne ein Zurück hätten enden können. Sie blieb ein paar Wochen weg, ohne zu telefonieren, um sich vom Abgrund ihrer selbst zu entfernen, immer dann, wenn sie nicht mehr mit sich selber zurande kam und die Wildnis in ihr bedrohlich wucherte. Das Leben war immer da, wo Anna nicht war. 

«Anna», ruft Natalia, die sich im Bett umgedreht hat, «das vollkommene Leben findest du nicht auf den Fotos, ich weiss, dass du das Bild mit dir und Lenka dabeihast. Ich muss dir etwas zeigen, komm bitte zu mir», fügt sie etwas versöhnlicher hinzu.

Das letzte Mal, als Anna den Mond so bewusst betrachtet hatte, war im Engadin gewesen, im Winter. Draussen war es kalt, unter null, dem Mond war der Mund zugefroren. 

Anna bleibt am Fenster kleben. Eine bis auf die Knochen abgemagerte Katze irrt über die Strasse in Richtung Strand.

«Das ist es», denkt Anna, «auch im neuen Leben sind es immer dieselben Fragen, die uns umtreiben».

Fotos sind stumm, geben keine Antwort, und man kann das Fragen verlernen. «Sagt endlich etwas!» Die Grossmutter hatte in Italien den Krieg erlebt. Sie erzählte, nach dem Bombenalarm hätten die in die Keller gescheuchten Menschen gebetet.

«Und du? Was hast du im Keller gemacht?», fragte Anna vergebens.

Oder als Anna erfuhr, dass sie fast ein Einzelkind geblieben wäre. Der Bruder hätte laut den Ärzten mit einer Missbildung zur Welt kommen sollen, aber die Mutter hatte sich geweigert, einer Abtreibung einzuwilligen. Und sie hatte recht bekommen. Stolz hatte sie die kerngesunde Kröte den verblüfften Ärzten gezeigt.

«Wie konntest du dir so sicher sein?», fragte sie Anna. Die Mutter hatte immer nur mit den Schultern gezuckt, Vollmond hin oder her.

Anna spürt jetzt wieder diese quälende Ohnmacht, das Geschehen von ferne zu beobachten und nie erfahren zu können, was sich dahinter abspielt.

«Anna», ruft Natalia», komm jetzt, ich habe den ganzen Tag damit gewartet».

Anna schliesst das Fenster, dreht sich um und setzt sich an den Bettrand.

Natalia richtet sich auf, zieht ein Couvert aus ihrer Tasche und öffnet es. Sie holt ein Foto heraus und legt es auf die Bettdecke.

Anna reisst die Augen auf, erstarrt, zittert kurz und erstarrt wieder.

So war es also vorbestimmt. Es gab das grosse schwarze Familienfotoalbum, die Omo-Schachtel mit den Missratenen und dieses eine verlorene Bild.

Text: Vincenzo Todisco
Illustration: Rolf Bienentreu

VincenzoTodisco_Foto by Momir Cavic

Vincenzo Todisco, 1964, Schriftsteller, Kinderbuchautor und Inhaber der Sonderprofessur für integrierte Mehrsprachigkeitsdidaktik mit Schwerpunkt Italienisch an der Pädagogischen Hochschule Graubünden. Sein literarisches Debut stammt aus dem Jahr 1999 mit dem Erzählband Il culto di Gutenberg. Weitere Romane in italienischer Originalsprache und deutscher Übersetzung: Il suonatore di Bandoneon (2006) und Rocco e Marittimo. 2018 ist sein jüngster, erstmals auf Deutsch verfasster Roman, Das Eidechsenkind, erschienen, der für den Schweizer Buchpreis 2018 nominiert war. Aus dem Jahre 2003 stammt das Kinderbuch Angelo und die Möwe und 2019 ist Luna. Eine Nacht im Museum mit Illustrationen von Martina Walther erschienen.

Foto: Momir Cavic

VINCENZO TODISCO

vincenzotodisco

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KAPITEL 10

SCHATTEN DER VERGANGENHEIT

Annas Blick zuckte nervös zwischen Natalia und dem Foto hin und her. Sie konnte es nicht fassen. Es war weniger das, was auf dem Bild zu sehen war, sondern viel mehr, wen man nicht auf dem Bild sehen konnte.

„Warum gerade jetzt?“, rang Anna um Luft.

Natalias Hand zitterte, als sie erneut nach dem Umschlag griff, den sie zuvor noch sorgfältig neben das Foto auf das Bett gelegt hatte. Erst jetzt erkannte Anna, dass der Umschlag leicht ausgebeult war und sich darin neben dem Foto wohl noch etwas anderes verbergen musste. Natalia zog ein goldenes Amulett heraus, umschloss es zärtlich mit der Hand und küsste sich auf die Faust, bevor sie es sachte auf die Bettdecke neben das verräterische Foto legte. Anna versuchte die Emotionen in Natalias Blick zu deuten, doch wie konnte sie interpretieren, was ihr Gegenüber fühlte, wenn in ihr gerade ein Sturm tobte. Es konnte nicht wahr sein. Sie war nicht von der einen Lüge geflohen, um jetzt in die nächste hineingezogen zu werden. Sie wollte endlich frei sein, frei ihrer wahren Bestimmung zu folgen. Frei ihre Liebe zu Natalia endlich offen zeigen zu können. Doch das letzte Stück aus dem Umschlag, das Natalia gerade herauszog, schien diesen Traum wie eine Seifenblase zerplatzen zu lassen.

Natalia zog ein Stück Briefpapier aus dem nun leeren Umschlag und faltete es auf. Anna starrte wie gebannt auf das Stück Papier. Es war eindeutig Mutters Handschrift. Nicht einmal im Tod konnte diese Bestie endlich ihre Finger von Annas Leben lassen. Seit frühester Kindheit musste sie jemand anderes sein. Immer der Mutter zu Liebe. Die Hochzeit mit Harald, die Kinder. Alles, um den Schein zu wahren. Alles für die Normalität. Alles, damit Mutter zufrieden war. Was könnten die anderen sonst denken.

Darin war Mutter schon immer gut gewesen. Im Wasser predigen und Wein trinken. Wenn es sein musste auch mehr als eine Flasche am Abend. Und wenn Onkel Edo mal wieder seine Migräne in Alkohol zu ertränken suchte, konnten das auch mehr werden. Anna erinnerte sich an manchen Morgen, an dem sie zu früher Stunde die Weinflaschen einsammelte, die um das flaschengrüne Sofa verteilt waren, auf dem Mutter und Onkel Edo ineinander verschlungen eingeschlafen waren. Wenn ihr Vater das mitbekommen hätte, wäre der Teufel los gewesen.

Ihr Vater? Was konnte sie denn noch glauben? Oder, vielmehr wem?

Natalia räusperte sich leise. Sie schaute Anna mit einem herausfordernden Blick an. Sie hatte den Brief neben das Amulett und das Foto gelegt. Feinsäuberlich nebeneinander gereiht.

„Das hätte Mutter gefallen“, dachte Anna säuerlich.

Zaghaft griff sie unter den wachsamen Augen ihrer einzig wahren Liebe nach dem Brief. Doch irgendetwas hatte sich in Natalia verändert. In ihrem Blick war wenig Liebevolles. Vielmehr war da Neid? Eifersucht? Mit welcher neuen Wahrheit hätte ihre Mutter wohl diesen Brief vergiftet? War es Mutter endlich gelungen die Liebe zwischen Natalia und ihr auch zu zerstören, genauso wie sie die einstige Liebe zu ihrem Mann zerstört hatte?

Zornig begann sie zu lesen. Schon die ersten Worte von Mutter trieften vor Gift.

Meine liebste Natalia, meine einzig wahre Tochter, viel zu lange schon musstest du im Schatten leben. Es ist Zeit, dass du die Wahrheit erfährst …

Anna stoppte und blickte zu Natalia auf, die jetzt grinste. Ein dunkler Schatten legte sich über das Gesicht ihrer Freundin.

Text: Patrick S. Nussbaumer
Illustration: Rolf Bienentreu

PatrickS.Nussbaumer

Patrick S. Nussbaumer ist 1991 in St. Moritz geboren und lebt seit 2012 in Zürich, wo er letztes Jahr sein Studium der Informationswissenschaft abgeschlossen hatte. Nachdem er mit 17 Jahren den ersten Teil der Jugendbuchtrilogie «Die SOS-Bande» publiziert hatte, entwickelte er seine literarische Arbeit kontinuierlich weiter. Daneben hat er zusammen mit der Engadiner Post den Engadiner Jugendschreibwettbewerb lanciert, dem er als Jurypräsident vorsitzt. Aktuell arbeitet er an seinem fünften Roman für junge Erwachsene.

PATRICK S. NUSSBAUMER

psnussbaumer.ch

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KAPITEL 11

AUFRÄUMEN! ENDGÜLTIG!

«Lies weiter!» Natalia drehte sich auf den Bauch. «Ich möchte wissen, was du darüber denkst.»

Anna blinzelte eine Träne weg, schaute zuerst die Freundin an, dann den Brief. Die krakelige Mutterschrift, gekrümmt von der Krankheit, vom wilden Leben, von den falschen Entscheidungen und dem bitteren Weg, den sie bis zum Ende gegangen war. Wollte die Mutter ihr wirklich die Wahrheit erzählen? Ein lächerlicher Versuch. Reinwaschen wollte sie sich. Die Schuld weiterschieben. In die Hände der Tochter legen. «Deine Hände», schrieb die Mutter, «schau sie dir gut an!»

«Anna? Ich bin hier!» Natalia klatschte in die Hände. «Sag mir wie das ist mit den Händen.»

Die Rechte, sagte die Mutter, sagte die Grossmutter, sagte auch Onkel Edo, die Rechte ist die gute Hand. Zum Grüssen, zum Zeichnen, später auch zum Schreiben, alles wichtige Dinge für die kleine Anna. Die gute Hand hielt die Puppe, streichelte die Mutter, wenn sie auf dem Sofa lag, wischte ihr das Blut weg aus der Wunde am Auge, nachdem Papa gegangen war. Die Rechte wusch die Linke. Non dimenticare mai di lavarti le mani, pflegte die italienische Grossmutter zu sagen, wenn der Grossvater aus dem Schlafzimmer kam, sopratutto la sinistra, die schmutzige Linke, sagte der Grossvater und knöpfte lachend die Hose zu.

«Warum streichelst du mich nicht so, wie ich es verdiene?» Weil, möchte Anna sagen, doch die Worte würden ertrinken im Blut, im Schleim. Die linke Hand ist böse, wollte sie schreien. Sie taugt nicht zum Liebkosen, man darf sie nicht küssen, nicht ablecken. Blumen, die man mit ihr pflückt, verwelken. Briefe, die man mit der Linken zumacht, bringen Unglück.

Mano di porco, sagte die Grossmutter, wenn der Grossvater am Morgen an den Tisch kam und ihr die linke Hand unter die Nase hielt. Das und noch viel mehr hatte sich Anna gemerkt. Die Linke riecht übel, sie ist die böse Hand. Mit ihr schlug sie den Bruder, den kleinen Prinzen, wenn niemand hinsah. Mit ihr musste sie Onkel Edo über die Traurigkeit hinweghelfen, wenn er ausgestreckt auf dem Sofa lag und sie mit leuchtenden Augen ansah. Zupacken, das konnte die Linke, auch mal böse kneifen. Und sich danach im Badezimmer abwischen, wenn Edo eingeschlafen war. Doch sauber, das hatte sie begriffen, wurde die Linke nie.

«Hat es mit mir zu tun?» Natalias Blick voller Verzweiflung. Anna wusste, dass sie aufräumen, das Blut und den Schleim ausspucken musste, sonst würde sie die Freundin verlieren. Und dann drohte das grosse Loch, in dem sie schon einmal versunken war, nach jener Nacht, in der Onkel Edo sich erst bei ihr bediente und dann über die Mutter hergefallen war, die Mutter, die gequiekt hatte wie ein Schwein, geheult wie eine Wölfin, geseufzt wie ein Waldsee um Mitternacht. Anna hatte in der Küche das lange Messer geholt, mit dem der Vater den Sonntagsbraten in schmale Scheiben schnitt.

Als sie der Mutter helfen wollte, der Mutter und sich, kam der Vater herein, torkelte zum Sofa, schlug auf Edo ein, packte den Arm der Mutter und drohte, ihr alle Knochen zu brechen. Und da war Anna auf die Drei zugegangen, das Messer erhoben, hatte geschrien, als würden sich all ihre Wunden auf einmal öffnen. Der Vater drehte sich um, griff unsicher nach dem Messer, griff in die Klinge. Blut spritzte. Die Mutter war geschickter, schnell wie eine Schlange. Der Vater lag tot auf dem Boden, die Mutter lachte irr, Edo telefonierte, der kleine Bruder weinte. Anna verstummte. Das Messer war in ihrer blutigen Hand, als die Polizei kam, als die Ärzte kamen, als man sie wegbrachte.

«Niemand glaubte mir», sagte sie endlich. «Dabei, das konnten doch alle sehen, war das Messer in meiner Rechten, in der guten Hand, nicht in der bösen Linken.»

Text: Daniel Badraun
Illustration: Rolf Bienentreu

DanielBadraun

Daniel Badraun, geboren 1960 in Samedan, schreibt für Erwachsene und Kinder. Seit 1989 arbeitet er als Kleinklassenlehrer in Diessenhofen. Für den Kanton Thurgau schreibt er seit 2006 Geschichten für das Leseförderprojekt www.geschichtendock.ch. Sechs Jahre war er Abgeordneter im Thurgauer Kantonsparlament. 

Daniel Badraun wohnt mit seiner Frau in der Nähe des Bodensees, hat vier erwachsene Kinder und eine wachsende Enkelschar. Neben dem Schreiben ist er auch oft draußen anzutreffen, auf dem Velo oder auf Wanderwegen. 

Aktuelle Veröffentlichungen:

  • Krähenyeti, Kriminalroman, Gmeiner-Verlag, Messkirch 2017
  • Schnee von gestern, Theater, Uraufführung Postremise, Chur 2018
  • Randulin, Kriminalroman, Gmeiner-Verlag, Messkirch 2019
  • Die Olympiahoffenung, Kinderkrimi, Gmeiner-Verlag, Messkirch 2020
  • Mord zur grossen Pause, als Herausgeber, Anthologie Schulkrimis, Gmeiner-Verlag, Messkirch 2020

DANIEL BADRAUN

badrauntexte.ch

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KAPITEL 12

NATALIA

Amulette schützen vor bösen Geistern. Annas Vater trug sein Amulett um den Hals, beim Schlafen, beim Holzhacken, beim Duschen. Gerade beim Duschen kann viel Böses geschehen, sagte er.

Ein Stein mit einem Loch, durch das Vater ein Goldkettchen gezogen hatte. Er hatte es einem Walliser Bauern abgekauft.

Auf dem Foto, das Natalia auf die Bettdecke gelegt hatte, lächelte Annas ganze Familie. Auch Anna selbst hielt den Kopf leicht schräg und strahlte in die Kamera. Nur der Vater fehlte. Das Amulett hatte ihn nicht geschützt. Ihr Bruder, ihre Mutter, Onkel Endo. Alle waren da. Der Vater selbst war zu einem bösen Geist geworden. Und Geister sieht man nicht.

«Hörst du mir überhaupt zu? … Anna?»

Anna sass auf dem Bett einer schäbigen Pension in der Nähe von Bordeaux. Natalia blickte auf sie hinunter.

«Auch im Tod kann sie mich nicht in Ruhe lassen, Natalia, sie versucht einen Keil zwischen uns zu treiben … Damit du mich auch noch verlässt.»

«Deine Mutter?»

Anna zog den Brief zu sich heran, ohne das Amulett zu berühren. Meine liebste Natalia, stand darin, meine einzig wahre Tochter, viel zu lange schon musstest du im Schatten leben. Es ist Zeit, dass du die Wahrheit erfährst. Küss das Amulett, küss und meine Anna wird dir alles erzählen. Es ist wie im Märchen.

«So, geküsst habe ich es», sagte Natalia, «und jetzt bin ich erstaunt, dass du dich noch immer nicht in eine Prinzessin …» – «Sie hat uns alle manipuliert, immer hat sie das gemacht … Du bist nicht ihre Tochter … Das hat sie nur geschrieben, damit ich dir nicht mehr traue … auch dir nicht.»

«Nein, das habe ich anders gelesen … vor ihrem Tod hat sie mich doch noch in die Familie aufgenommen, Anna … Deine Mutter war auch nur …»  – «Du hast keine Ahnung von meiner Mutter.»

«Na dann erklär’s mir. Du brauchst vor nichts mehr Angst zu haben … Sie ist tot.»

«Es ist nicht mehr wichtig.»

Ritrovato, dachte Anna. Was hatte sie alles gefunden in den letzten Tagen? «Erzähl’s mir trotzdem … Ich hab dich gern, aber wie soll ich dich gern haben, wenn ich nichts über dich weiss? … Warum gibt mir deine Mutter das Ding da? … Was ist auf dem Foto, was ich nicht sehe?»

Soll ich dir von den Männern erzählen, bei denen ich aufwuchs. Alkoholiker waren sie alle. Vater, Onkel Edo. Soll ich erzählen, wie Onkel Edo mich angefasst hat? Willst du das wissen Natalia?

«Da ist nichts drauf, was ich nicht kenne … Dein Onkel, der Bruder, die Mutter … Wann wurde das Foto gemacht?»

Ritrovato. Willst du wissen, wie sehr ich Lenka geliebt habe? Warum ich niemandem etwas sagen konnte? Willst du wissen, weshalb ich doch einen Mann geheiratet habe, Kinder hatte?

«Erklär mir zumindest irgendetwas … Und der Brief? Weisst du, ich mag langsam nicht mehr, so gern ich dich hab … Ich dachte, das hier würde uns zusammenbringen … Bordeaux und endlich einmal nur wir zwei.»

Oder willst du wissen, wie Vater starb? Mit der guten Hand? Was willst du wissen?

«Anna? Hörst du mich? …  Du kannst nicht dein Leben lang dasitzen und mich anschweigen. Denkst du die Probleme gehen weg, wenn man lange genug darüber schweigt?»

«Meine Mutter hat nur die schönen Fotos in ihr Album geklebt. Die übrigen tat sie in eine Omo-Schachtel.»

Stille. Natalia hebt beide Arme über ihren Kopf.

«Weisst du … das … ich kann das nicht länger. Dann erzähl mir nichts … Gut.»

Sie drehte sich um, verliess das Zimmer. Auf dem Regal neben der Tür lag der Autoschlüssel. Bald würde Natalia wiederkommen, würde den Schlüssel nehmen. Würde mit dem Auto davonfahren. Sie würde Anna verlassen, wie sie alle verlassen haben. Amulette schützen nicht, Papa. Amulette sind dreckige Steine ohne Nutzen. «Natalia?», fragte Anna.

Sie stand auf. Ging hinaus. Draussen hörte sie das Meer deutlicher. Das Auto stand da. Häuser ohne Licht. Ein leeres Feld. Der Vollmond zwischen den Wolken. Sie hörte das Weinen ihrer Mutter.

«Natalia.»

Text: René Frauchiger
Illustration: Rolf Bienentreu

RenéFrauchiger

René Frauchiger ist 1981 geboren, im bernischen Madiswil aufgewachsen. Er arbeitete als Laufbursche in einer Bäckerei, kaufmännischer Angestellter, Englischlehrer, Call-Center-Versicherungsvertreter, Kino-Operateur, Serviceangestellter, Journalist, Hirte auf einer Bündner Alp und als Wörterbuchschreiber. Zurzeit ist er als Audiopädagoge tätig. Er ist Mitgründer und Mitherausgeber der Literaturzeitschrift «Das Narr». 2019 erschien sein Romandebüt «Riesen sind nur grosse Menschen» im homunculus Verlag.

RENÉ FRAUCHIGER

renéfrauchiger

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KAPITEL 13

DIE FÜSSE IM SAND

Sie sieht der grossen Wasserzunge zu, wie sie heranleckt, sie kommt, kommt, kommt, spielt mit ihren Füssen, überspült sie mit weisser Gischt, lässt von ihnen ab, gibt sie der Luft wieder und schlürft ein wenig von dem feinen Sand unter ihnen weg. Die andringenden Wellen, sie kann sich nicht sattsehen daran. Das Wasser kommt, geht, Anna steht. Der Regen treibt in queren Schrägen über den Strand, doch sie friert nicht, ist wach. 

Sie reckt sich. Der tiefe Schlaf hat sie belebt und gestärkt, sie hat sich erholt. Gestern Nacht stand sie hier, vielleicht an derselben Stelle. Das offene Dunkel machte ihr keine Angst. Spiel mir nichts vor, hatte Natalia gesagt, damals, und sie hatte sich zurückfallen lassen – war sie selbst gewesen, war angekommen, bei sich. Gestern Nacht stand sie hier, lauschte dem Rauschen der Wellen, unnachgiebig, als erledigten sie eine grosse Aufgabe für sie. Ihr graute davor, in das Zimmer zurückzukehren. Wenn sie traurig war, konnte man über sie drüberfahren, dann war sie gefährdet … langsam stapfte sie über den unebenen Sand zurück zur Pension … sie hatte nichts, um sich zu wehren … setzte einen Fuss vor den anderen … ausser zu schweigen. 

Sachte schob sie die Tür hinter sich zu und lehnte sich ausatmend dagegen. Der Raum fremdete sie an. Als habe eine Explosion stattgefunden, dachte sie, löste sich von der Tür und ging auf das Bett zu. Da lagen all die Dinge verstreut, auch die waren ihr fremd, sie nahm sie, trug sie zur Kommode, wo noch immer Natalias Schlüssel lag, legte sie dazu. Dann kehrte sie zum Bett zurück. Sie richtete das aufgeschlagene Laken mit der Decke darüber wieder her, zog es straff, ging dann auf die andere Seite, die noch unberührt war. Setzte sich auf die Matratze, die härter war als erwartet. Das gestärkte weisse Laken und die dunkelbraune Decke waren exakt gefaltet und unter sie geschoben. Sie zog daran. Beugte sich vor und roch an dem Laken, an dem Kopfkissen. Kühl und steif, das mochte sie. Frisch. Nochmal, sie zerrte an dem Laken, die schwere Matratze gab es nicht frei, sie wurde kurz ungeduldig, sprang auf, riss es mit einem Ruck heraus und schlug es bis über die andere Bettseite zurück. Einen Moment starrte sie auf die aufgeworfene Seite, dann auf die begrabene. Und liess sich richtig plumpsen auf ihre. Ihr kam Harald in den Sinn. Jetzt nicht! Sie streifte die Schuhe von den Füssen. Sah ihre Zehen an und bewegte sie. Sie waren noch da. Nichts denken, sie presste die Fäuste links und rechts unter sich in das Laken, stemmte sich mit durchgestreckten Armen hoch, schloss die Augen, nichts denken, entspannte sich wieder und sah ihre Hände an. Wie die Hände ihrer Mutter … komisch, das war ihr nie aufgefallen, als sie noch lebte … oder bildete sie sich das ein? Jetzt nicht! Sie erhob sich und ging ins Bad. Schaltete das Licht ein und gleich wieder aus, sie sah genug. Setzte sich aufs Klo und genoss den kräftigen Strahl, der nur so aus ihr herausschoss. Die Tür zum Zimmer stand offen. Sie stützte die Ellbogen auf ihre weissen Oberschenkel, blieb eine Weile so sitzen. Das Mondlicht machte die silbernen Armaturen am Waschbecken leuchten. Nichts müssen. Die Klobrille war hart und drückte ihr unangenehm in die Schenkel. Sie stand auf.

Im Bett zog sie Laken und Decke über sich, die Beine zog sie an die Brust, fast bis zum Kinn und sog den schwachen Geruch des Lakens ein. Sie kicherte. Selbst der Geruch im Zimmer war ihr weniger fremd, seit sie alleine war. Endlich. Sie schlief ein. 

Ihre Mutter sagte, come sei lunatica! Sie stand vor ihr, eine Marionette, die Fäden, die sie hielten, waren aber nicht straff – Zu locker! wollte Anna sagen. Doch die Mutter liess ein Bein zur Seite schlenkern, die Hüfte schob sie keck zur anderen, so hielt sie sich im Gleichgewicht. Als bräuchte sie die Fäden nicht – Schief, dachte Anna. 

Ein leises Geräusch, träumte sie, die Tür, das Licht fiel herein vom Flur, zwei flüchtige Küsse, träumte sie, auf ihre Lider – eins zwei – dann blinzelte sie, träumte sie, die Tür fiel zu, Dunkel.

Vor ihr nichts als das offene Meer. Im Regen, hinter dem Regen, ist nicht zu unterscheiden, was Wasser ist und wo der Himmel. Sie sieht die unendliche Weite, dreht sich um, wohin sie sich wendet, Weite, überall, ringsum. Ihre Füsse sind kalt. Tröpfchen rinnen ihr in den Nacken und übers Gesicht, Natalia ist weg, die Mutter weg, ihr Vater, ach ja, ihr Bruder, nur sie, Anna, ist jetzt hier. Steht da. Sie hat Hunger, richtig Appetit, Lust, etwas zu essen.

Text: Ariela Sarbacher
Illustration: Rolf Bienentreu

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Ariela Sarbacher (*1965 ) ist Schriftstellerin, Schauspielerin und lebt in Zürich. In diesem Jahr ist ihr erster Roman, Der Sommer im Garten meiner Mutter, im Bilgerverlag erschienen. Zurzeit arbeitet sie an ihrem zweiten Buch. 2002 gründete sie ihre Schule Einfluss, in der sie ihr eigenes Präsenztraining unterrichtet. 

Sie ist freischaffend, als Schauspielerin, Sprecherin, Schriftstellerin und Präsenztrainerin.

Foto: Janine Guldener

ARIELA SARBACHER

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zum Projekt

Verschiedene Autorinnen und Autoren schreiben gemeinsam eine fortlaufende Geschichte. Jede/jeder für sich ein Kapitel. Sie haben dazu jeweils 5 Tage Zeit. Eine Geschichtsstafette. Der Titel ist vorgegeben: RITROVATO. Ansonsten sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt. Bis jetzt schreiben nebst Romana Ganzoni: René Frauchiger, Tabea Steiner, David Weber, Monica Cantieni, Patrick Nussbaumer, Vincenzo Todisco, Seraina Kobler, Ruth Loosli, Angelika Overath, Sunil Mann, Lea Catrina und Daniel Badraun. Die Geschichten illustrieren wird Rolf Bienentreu, Poet und Arzt.